Alles schon erlebt – leider nichts gemerkt? Möglich. Immerhin gibt es BLANKER HOHN ja schon seit 1983. Seither erinnerte sich ab und zu mal jemand daran, dass es da doch mal ne Band gab. Und so startet man „Mit der Beharrlichkeit eines regelmäßig aus dem Altersheim weglaufenden Rentners“ ungefähr dreieinhalb Jahrzehnte später nochmal durch.
Aber Blanker Hohn tun das sicher nicht, um nur die Zeit bis zum letzten Film vorm Grab zu überbrücken, wie das in ihrem starken Titelsong „Alles schon erlebt“ sagen. Sie tun das mit viel Energie, schlauen Texten, mit iPhone, Mercedes und beim Yoga. So geht eben Punkrock heute!
Im Juni 2019 kam die erste Platte seit 1985 heraus: „Die letzten unserer Art“; 6 Songs; darunter „Clausthaler“, „Fahrbier“ und „Spiesserpunks“.
Das neuste Album „Alles schon erlebt?“ ist im April 2023 erschienen. Am Plattenteller drehen sich für Euch 15 klare, kritische Statements gegen eine mehr und mehr digitaler Überwachung und Ausbeutung ausgesetzte Zivilgesellschaft, die wegschaut, wenn Nazis Menschen jagen.
Gespielt wird „84er-uffta-Punk“, mal schnell, mal nicht so schnell, mit minimalsten Pop-Einflüssen und einem – wie sie selber sagen – schelmischen Grinsen im Knopfloch.
Juni 1983: Frank, Oile und Detlev, teilweise mit nicht nennenswerten instrumentalen Skills, tun sich zusammen. Mission: „Wir werden Harburgs beste Punkrockband!“ Das war ziemlich leicht, denn andere Punks gab es südlich der Elbe nicht. Der Bandname sollte 3-silbig sein wie Zu-Ga-Be und beim Hören des Hits „Telefon“ von IDEAL fiel beim Mitsingen der Name Blanker Hohn. Und das passte ja zu ihrem Ansatz Musik zu machen, denn – der erste Bassist Detlev hatte sein Instrument erst 2 Wochen und konnte noch keine Noten.
Frank, einer der beiden Gründungsmitglieder, ist der Kopf in musikalischer Hinsicht. Die Tatsache, dass er als erster einen Führerschein, ein Auto und eine Freundin hatte, brachten ihm in der Band nicht nur Freunde ein: „Die Riffs hat er doch alle bei Sham 69 geklaut“. Wohl falsch – das meiste war von SLF und den Angelic Upstarts. Olaf – Oile – vom ultimativen Punkgedanken „Jeder kann eine Band machen“ angefixt – war als zweites Gründungsmitglied zuständig für die Konzerte, Texte und hat sich um essentielle Dinge wie das griechische Gyros für „DANACH“ gekümmert. Im September kam Lorenz hinzu. Er verrät uns, dass er nach der Schule „Musik für junge Leute“ im NDR Radio gehört hat. Da lief auf einmal „Holiday in Cambodia“, und es war um ihn geschehen. Am Kinderschlagzeug aus dem Otto-Katalog hat er sich noch anständig eingespielt; Zack – Punk!
FdP: Haben denn unsere beiden Gründungsmitglieder noch Erinnerungen an den ersten Auftritt? Lorenz: Dunkel. Im FZ Feuerteich in Harburg war’s, und ich musste vorher zum 80ten meiner Oma. Dass ich direkt nach dem Kaffee wieder losmusste, fand sie überhaupt nicht gut. Das ist Punk. Oile: Ich war mega aufgeregt, der Laden war rappelvoll und das Bier nach einer Stunde alle. Die Leute vom FZ Feuerteich waren überfordert, blieb aber alles ruhig. Das Publikum habe ich erst bei den Zugaben wahrgenommen.
Durch Oile´s hervorragende Kontakte innerhalb des Musikbusiness konnte die Band in einmaligen Locations wie FZ Feuerteich, Rieckhof Harburg oder Rote Mühle spielen. Immerhin reichte es im April 1984 zur Vorgruppe der „Toten Hosen“ auf ihrer „Heinos Rache“ – Tour, die danach seltsam unsympathisch wirkten. Lags dran, dass Oile auf der Bühne mal geschwind „Die Hosen runtergelassen“ hat?! Oder die PA schon vorher fast die Grätsche gemacht hat? Oder ging die PA und es wurde für die Vorband mal pauschal bloß die halbe Lautstärke aufgedreht?! Wie auch immer. Von ihrem „verdienten“ Geld kaufen sich Blanker Hohn erstmal richtige Instrumente – und lösen sich auf.
Und so landet die Band in der Werbung, der Industrie, beim Klassenfeind und auf‘m Bau. Es gab zwischen 2001 – 2004 eine Reunion und ein paar Gigs. Aber die Welt war noch nicht bereit für die 4 Tunichgute.
Seit 2018:
Blanker Hohn spielen nach ihrem ersten Gig im Hamburger „Monkeys“, übrigens organisiert von Punkrock Hamburg, in unregelmäßigen Abständen abwechselnd Release- und Abschieds-, Benefiz-, Malefiz- und Reunionskonzerte. Sie finden die Hosen immer noch doof und spielen lieber gemeinsam mit noch älteren oder unbekannteren Bands.
Am Bass ist nun Schwartau. Er hatte seine Musik-„Karriere“ bereits endgültig-für-immer-und-ewig-final-finito-basta beendet. Dann quatschte ihn Lorenz an. „OK, dachte ich, wenn nix mehr geht, Punk geht trotzdem immer“. Hat er recht.
Oile – Gesang. Ehemals: Igor und Clark (mit Lorenz – verpunkte Kinderlieder mit Schlagzeugcomputer), Ten Mad Mongers. Einflüsse: Daily Terror, Slime, ZK – eher die deutschen Bands.
Frank – Gitarre.
Schwartau – Bass. Auch bei Service, Galerie Lochte, Trancewatermelonman, Kosmisches Flüstern. Einflüsse: Buzzcocks, Ramones, Undertones, Beatles, Queen.
Lorenz – Schlagzeug. Zuvor: Youth Of Altona und First Eloi. („Schwartau hat Baron Superrock und Baron 11011 vergessen, da haben wir zusammen gespielt“.) Einflüsse: Finnischer Hardcore, Exploited, Gary Numan, Joy Division, Sisters of Mercy, Red Lorry Yellow Lorry.
Zum 40ger gibt es eine fette Geburtstagsparty mit U.E.D.L, RAZORS und – nein, nicht den Toten Hosen. Trotz der wirklich sehr zeitig verschickten Einladung hatten die Hosen wohl irgendwo schon ein anderes Konzi zugesagt, wie JKP in einem knappen Zweizeiler erklärte. Blanker Hohn lies sich trotz deren schwachen Leistung nicht lumpen und das Plakat zur Party wurde als liebevolle „Rip off“-Version den Hosen gewidmet. Seht selbst.
FdP: Erzählt ihr mir etwas über euer Album oder den letzten Song? Oile: Der letzte Song auf „Alles schon erlebt“ ist „Gemeinsam Punk“ und der beschreibt sehr gut was uns alle verbindet – die Punkmusik. Lorenz: Der Song, den wir grade neu geprobt haben, ist von Schwartau und sehr gut. Er ist quasi ein Geschenk an eine befreundete Band und ich bin sehr gespannt, wie sie ihn finden wird.
FdP: Was bedeutet Punk heute? Was macht der Punkernachwuchs, wie seht ihr das? Lorenz: Punk ist für mich eine kreative Verweigerungsform gegenüber Kapitalismus und gesellschaftlichen Zwängen. Und da es beides noch ziemlich lange geben wird, wird es Punk auch noch ziemlich lange geben. Oile: Ich höre gerne Punkmusik und stehe eher links. An der Diskussion was ist Punk und was nicht, beteilige ich mich nicht.
FdP: Bester / Miesester Gig? Lorenz: Meine miesesten Gigs hab ich glücklicherweise mit anderen Bands gehabt. Zum Bespiel der in Vlotho, bei dem der Veranstalter vergessen hatte, Werbung zu machen. Und auch vorsichtshalber selbst nicht aufgekreuzt ist. Zuschauer: 0. Wir haben trotzdem gespielt und uns die Gage dann vom Wirt der angeschlossenen Kneipe geholt. Fand der nur halb lustig. Oile: Miesester Gig war vollgegessen im Stairways am Schulterblatt, mit Lorenz` Band „Ten Mad Mongers“, da ist der Bassist immer beim Rückwärtslaufen auf meinen Verzerrer getreten und hat den Sound verstellt. Ich habe da (bzw. hätte da gerne) Gitarre gespielt. Bester Gig ist schwierig; auf jeden Fall war es auf der Barkasse Frau Hedi im Juli 2019 richtig gut!
FdP: Mit wem würdet ihr gern mal ein Bier trinken? Schwartau: Captain Sensible (The Damned). Lorenz: Michael Palin (engl. Komiker/Schauspieler).
FdP: Was ist für die nächste Zeit geplant? Oile: Wir spielen noch 2 Gigs in diesem Jahr (s. Plakat weiter unten) und wollen im Januar/Februar 2025 mindestens 4 neue Songs einstudieren. Für nächstes Jahr planen wir eine Schweiz-Tour zusammen mit Fornhorst, weitere Konzerte, wie es sich so ergibt und vielleicht auch mal ein Open Air…
FdP: Wo würdet ihr wirklich gern mal auftreten? Einstimmig: SO36, ist aber ziemlich groß, in Hamburg gerne mal die Markthalle; ja, ist auch groß. Gern mal ein Festival wie Resist to Exist etc.
FdP: Was wolltet ihr schon immer mal öffentlich in die Welt posaunen? Lorenz: Die viel größere Kunst ist heutzutage, mal nichts öffentlich in die Welt zu posaunen. Oile: Ganz genau Lorenz. Ich finde es schlimm, wieviel Zeit die Leute aufbringen, um sich in Kommentaren aufzuregen wie doof jemand ist usw. Die haben wohl nichts Schönes im Leben, worüber sie berichten können.
FdP: Hier würde ich gerne Eure „Herzenssachen“ hinschreiben. Lorenz: Alle, die sich engagieren wollen, aber nicht wissen, wie und wo: holi.social checken und Holi-App runterladen. Oile: Support your local Punkrock Club und kauft Tickets im Vorverkauf wann immer es geht und so früh wie möglich!
++ Konzerte & Veranstaltungshinweis ++
Blanker Hohn wird am 06. September 2025 auf „unserem“ Festival, dem Stadt.Land.Punk in Hamburg auftreten!!
Wie geil ist das denn!? Wir von Freunde des Punk.de und viele Mitglieder aus unserer Facebook-Gruppe sind auf jeden Fall am Start! Wir stehn nicht auf der Gästeliste – und KEIN Türsteher schickt uns heim!! 😉
Mit diesem sehr lieb gemeinten 1-Satz-Hohn/Hosen-Medley, das mir beim Songs hören in den Sinn kam, sag ich DANKESCHÖN an Blanker Hohn für all die vielen Infos, lustigen Geschichten, Melodien und Bilder.
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FAKTEN:
Gründungen geschätzt: 1983, 2001, 2018
Stil: Deutschpunk
Social Media & Stream:
Bildrechte & Infos: Blanker Hohn